Ja Mai

Weißwürscht, Reis und Koriander

28. September 2016

Culture Clash? Von wegen. Luu Alzinger und das »Ja Mai« in der Pestalozzistraße sind der Beweis dafür, dass gerade ein Mix der Kulturen das Besondere ausmacht.

Schon bei der Begrüßung hat man das Gefühl, eine alte Freundin wiederzutreffen. Luu strahlt über das ganze Gesicht und ist so herzlich, dass man sich im »Ja Mai« von der ersten Minuten an wie zuhause fühlt. Die Vietnamesin ist eine fröhliche Powerfrau mit ordentlich »Hummeln im Hintern«– ziemlich sicher ist das auch ein Grund, warum das kleine vietnamesische Restaurant so gut läuft.

»Ich will das machen, was ich auch wirklich bin und zu dem ich stehe. Und es muss immer weitergehen. Stillstand gibt’s bei mir nicht.«

Aus der hübschen Asiatin sprudeln die Worte. Dazwischen winkt sie immer wieder Freunden und Bekannten, die am »Ja Mai« vorbeigehen oder -radeln und ruft ihnen einen Spruch oder Gruß im perfekten Bayerisch zu. Bayerisch? Jawoll. Denn die vietnamesische Frohnatur spricht besser Bayerisch als ihre frühere Muttersprache.

Eine neue Welt mit Fanta und Bienen

Mit neun Jahren zog sie von Hanoi nach Deutschland und kann sich noch sehr gut an die ersten Eindrücke in München erinnern: »Ich war total beeindruckt von Fanta. Das fand ich ganz toll. Und Bienen! Die kannte ich nicht. Alles war super aufregend.« Kinder können sich ja bekanntlich schnell anpassen und so war Deutsch lernen gar nicht schlimm. Die vietnamesische Sprache blieb dabei aber auf der Strecke: »Ich bin beim Vokabular einer Neunjährigen stehengeblieben. Das ist oft sehr witzig, wenn ich mit meinen vietnamesischen Köchinnen etwas bespreche und viele Wörter gar nicht kenne.«

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Weißwürste mit Koriander – am liebsten alles Querbeet

Manchmal vergisst Luu selbst, dass sie Asiatin ist – aber bei einer gewissen Sache besinnt sie sich ganz schnell wieder auf ihre vietnamesischen Wurzeln: »Ich vertrag einfach nicht so viel Alkohol. Ich merk das viel schneller als meine deutschen Freunde.« Eigentlich kann man Luu tatsächlich als bayerische Vietnamesin oder vietnamesische Bayerin bezeichnen, die beide Kulturen kennt und liebt. Und auch das Essen beider Länder. »Ich liebe die bayerische Küche. Weißwürscht sind zum Beispiel ganz was Feines. Aber im Grunde bin ich scho a kleiner Reisfresser.«

Mit ein wenig Flunkern in die Gastronomie

Luu lacht, nippt an ihrem Rosé Spritz und winkt einem Radfahrer zu.
Die Liebe zum Essen war zwar schon immer groß, aber die zur Fashionwelt war erst einmal noch größer. Nach ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau baute Luu die beiden Münchener Filialen des Design-Labels »Filippa K« mit auf und leitete vier Jahre lang die Läden. Um ein bisschen Geld dazu zu verdienen, bewarb sie sich für einen Nebenjob im »Nektar«. In der Stellenanzeige war ausdrücklich Berufserfahrung erforderlich, was Luu nicht hatte. »Ich hab halt fett gelogen, aber die vom ›Nektar‹ haben gesagt: Ok, naja. Wir werden sehen, was die wirklich kann. Aber wir versuchen es mit der Asiatin.«

Luu denkt einerseits strategisch, glaubt aber an den Zufall und das Schicksal.

»Es kommt immer anders als man denkt. Und dann muss man sich halt wieder neu drauf einstellen. Ich weiß zwar nicht viel, aber ich weiß mir zu helfen.«

Dass sie nicht viel weiß, ist reine Bescheidenheit, denn Luu hat ein Gespür für Menschen – und weiß, was sie wollen. Luus Mutter gehörte schon lange das »Ja Mai« in der Pestalozzistraße. Aber der Laden lief nicht mehr besonders gut. Bevor das »Ja Mai« geschlossen werden sollte, bat Luu ihre Mutter um eine Chance, das Geschäft wieder auf Vordermann zu bringen: Leichte Gerichte, faire Preise und eine neues Interieur. Alles wurde umgebaut und neu gemacht. Und es lief. Von diesem Zeitpunkt an arbeitete Luu zusammen mit ihrer Mutter im »Ja Mai«. Wer dabei das Sagen hatte, war ganz klar: die Mama. »Den ausgeprägten Hierarchiegedanken, der dem Kommunismus geschuldet ist, kriegst du aus einer Person, die damit aufgewachsen ist, nicht mehr raus.«

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Die ersten Schritte auf eigenen Beinen

So betrieben Mutter und Tochter in alle Ruhe das »Ja Mai«. Ruhe? Dieses Wort gehört nicht zum Stammvokabular der 34-Jährigen. Luu wollte endlich komplett auf eigenen Beinen stehen – ohne die Hilfe der Mama. Es muss ja schließlich vorwärts gehen.
Vielleicht war es Zufall, vielleicht aber auch Schicksal, dass sie Nico Zeilinger kennenlernte. Ab da wurde nämlich noch einmal alles anders. Beide hatten den Traum vom eigenen Restaurant und beide hatten auch schon Erfahrung in der Gastronomie. Jetzt musste nur noch ein geeigneter Laden her.
Vielleicht war es wieder Zufall, vielleicht aber auch Schicksal, dass Luu eines Tages in der Kolosseumstraße am alten »X-CESS« vorbeifuhr und einfach den Besitzer fragte, was mit den leerstehenden Räumen passieren wird. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf.
2011 eröffneten Luu und Nico das »Fei Scho« und wurden regelrecht überflutet mit Gästen:

»Schon nach zwei Wochen haben sie uns die Bude eingerannt. Das war echt eine krasse Zeit. Es ist schon komisch, wenn man auf einmal so gehypt wird.«

Die Zeit im »Fei Scho« verging wie im Flug. Es war immer was los, es gab immer was zu tun. Gut so, denn »ein Laden, in dem nix los ist, wäre das Schlimmste.«
Und dann kam wieder alles anders.

»Ich habe meine Hausaufgaben gemacht.«

Als 2015 Luus Mutter aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr im »Ja Mai« kochen konnte, wollte Luu das Restaurant nicht aufgeben und übernahm es – ein weiterer Schritt in Richtung Selbstständigkeit. »Klar hatte ich anfangs ein bisschen Schiss davor, den Laden alleine zu schmeissen. Man will ja alles gut machen. Und zwar nicht nur, was das Essen angeht, sondern auch die Logistik und alles was dazu gehört. Aber ich habe meine Hausaufgaben gemacht.« Luu telefonierte mit Lieferanten, verglich Preise, befragte Freunde und lies sich alle technischen Geräte erklären, was nicht unbedingt ihr größtes Interessengebiet war. Aber auch die Technik gehört eben zu einem gut funktionierenden Restaurant.

Lieblingsmaskottchen Winkekatzen

Als das Thema Technik erledigt war, konnte sich Luu endlich dem angenehmen Teil widmen: der Einrichtung. Ein ganz besonderer Hingucker sind die vielen Winkekatzen, die sich Luu von Freunden auf Asienreisen mitbringen lässt. Auch im Logo findet sich Luus Maskottchen wieder. »Ich liebe Winkekatzen. Die sind wie ich. Und wie das ›Ja Mai‹. Immer in Bewegung.«

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Sieben vietnamesische Lieblingsgerichte mit Liebe zum Detail

Mit einer gewissen Anspannung eröffnete Luu im November 2015 das »Ja Mai«. Die Gemüselieferantin, die die Zutaten höchstpersönlich in die Pestalozzistraße bringt, war bereits ganz zu Anfang vom Erfolg des Restaurants überzeugt und überreichte Luu die frischen Sprossen und Kräuter mit den Worten: »Mei, Luu, bei dir bin i mir sicha, des wird scho was.« Und so war es dann auch.
Auf der Karte stehen sieben Gerichte, die Luu selbst zusammen mit drei Vietnamesinnen zubereitet. So offen und kontaktfreudig Luu auch ist, sie zieht sich auch gerne mal in die Küche zurück und bereitet Phos und Reisnudelsalate zu. Alle Gerichte sind ihre persönlichen Lieblingsspeisen und werden mit viel Detailliebe gekocht und angerichtet.

»Ich will hier nicht nur Essen rauskloppen, sondern mir sind das Korianderblatt auf der Pho und ein paar Röstzwiebeln und Sesam auf dem Reisnudelsalat extrem wichtig.«

In ihrem stylischen Outfit und den knallroten Lippen rührt Luu in der Pho Bo und ruft ein fröhliches »Servus« aus der Küche in Richtung Tresen. Ein ungewöhnliches Bild … aber: What the Pho?! Klischees sind im »Ja Mai« sowieso ganz verkehrt.

Ja Mai
Pestalozzistraße 9
80469 München
089 – 189 294 08
info@ja-mai.com

Mo bis Fr: 11.30 – 22.00 Uhr
Sa: 13:00 – 22.00 Uhr
Sonntag Ruhetag