Verfallsdatum gestern: Kulinarische Trends faulen schnell

20. September 2016

»Du bist, was du isst« ist die Ansage der neuen Ernährungsjunkies. Was früher noch Vollwertkost hieß, wird heute als Soulfood gefeiert. Mal sehen, wie lang sich dieser Trend hält – und was als nächstes kommt.

»Mode ist zeitlos« – an diesem Satz ist was dran. Man denke nur an Audrey Hepburn und das kleine Schwarze. Oder an das Poloshirt von Ralph Lauren. Die Klassiker aus den Sixties sind auch heute noch topaktuell. Kulinarisch betrachtet sieht die Lage anders aus: Gerichte sind zeitlos? Wohl kaum. Käseigel und Kullerpfirsich – wem läuft heute bei diesen Partyknüllern der 60er das Wasser im Mund zusammen?

Kulinarische Dauerbrenner – eine Seltenheit

Bis auf wenige Ausnahmen besitzen Food-Trends eine kurze Haltbarkeit. Die gerade noch unverzichtbaren Rezepte verschwinden wie über Nacht in der hintersten Ecke im Küchenregal und vermeintliche kulinarische Dauerbrenner will bald keiner mehr sehen. Den Cocktail-Klassiker »Swimmingpool« aus den Siebzigern schlürft man höchstens noch im »Schumann’s« (der Erfinder der blauen Kalorienbombe), die gefüllte Paprika aus den Achzigern wurde in die Mittagskantine verbannt und Vollwertkost à la Barbara Rütting weckt traumatische Erinnerungen an Grünkernaufläufe und Dinkelplätzchen. Der Schlankheitswahn der Neunziger und die damit verbundene Flut an Light-Produkten und kleinen Häppchen (»Finger Food«) wurden zur Jahrtausendwende abgelöst durch eine »gesunde Ernährung« – und durch einen kurzen Hype um Cupcakes, Frozen Yogurt und Bubble Tea.

Essen ist Lifestyle – und Selbstdarstellung

Nun, auch die Bubbles sind geplatzt und wir brühen jetzt lieber Matcha-Tee, denn je exotischer, desto besser. Quinoa-Salat, Acai-Smoothie, Chia-Samen und Goji-Beeren – die zungenbrecherischen »Superfoods« sind längst in aller Munde. Essen ist nicht mehr nur Essen. Essen ist Lifestyle. Wir identifizieren uns immer stärker mit dem, was auf den Teller kommt. Und was nicht. Essen ist Selbstdarstellung und Ausdruck der Gruppenzugehörigkeit. Flexitarier, Veganer, Bio-Befürworter und Fermentier-Fans treffen sich in Blogs, auf Food-Messen und Street-Food-Festivals und leben dort ihren Lifestyle. Das Wohnzimmer als heimelige »Wohlfühloase« expandiert in die Küche – denn dort werden nicht mehr nur Gerichte zubereitet, sondern dort kommen Familie und Freunde zusammen. Es wird gefeiert, gelebt und gegessen. Fertig-Pizza und Fingerfood vor der Glotze? Diese Zeiten sind vorbei.

»Bio« allein wird nicht mehr reichen

Die regionale Bio-Küche, die gerade in den Töpfen köchelt, wird derzeit mit einer guten Brise Ethical Food gewürzt – Lebensmittel, bei denen wir außer auf ökologische Aspekte wie eine umweltfreundliche Verpackung und kurze Transportwege auch darauf achten, dass sie unter fairen Arbeitsbedingungen produziert und dabei weder Mensch und Tier noch die Natur ausgebeutet werden. Es ist also nicht allein das Produkt, sondern der gesamte Herstellungsprozess, der zählt. Dafür greifen Ernährungsbewusste gerne ein bisschen tiefer in die Tasche, denn Ethical Food ist (noch) teuer. Spannend, was in den kommenden Jahren aus diesem Trend wird. Vielleicht wird in absehbarer Zeit ein Kakao-Farmer aus Bolivien von unserem Aronia-Schokokuchen seinen Lebensunterhalt bezahlen können. Dann wäre Ethical Food ein schöner Trend, der sich hoffentlich dauerhaft als Standard etabliert.